Das Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (Fög) der Universität Zürich hat die neueste Ausgabe seines Jahrbuchs «Qualität der Medien» vorgestellt – und sieht sich erneut mit grundsätzlicher Kritik konfrontiert. Zwar sind die Indikatoren, mit denen die Qualität von Nachrichtenmedien in der Schweiz gemessen wird, klar definiert. Doch die Berechnung der sogenannten «Gesamtqualität» gilt Beobachtern als komplex, teilweise willkürlich und vor allem nur begrenzt aussagekräftig. In den Ergebnisberichten werde gleichwohl unbefangen von Gesamtqualität gesprochen, ohne deutlich zu machen, wie eng die zugrunde liegenden Kriterien gefasst sind.
Das Fög arbeitet mit sieben Indikatoren, die den Dimensionen «Relevanz», «Einordnungsleistung» und «Professionalität» zugeordnet sind. So erhält etwa die Beitragsrelevanz je nach Thema unterschiedliche Punktzahlen: Politik wird mit der Maximalnote 10 bewertet, Wirtschaft mit 9 und Sport mit 4, während Beiträge aus dem Bereich Human Interest – persönliche Schicksale oder alltägliche Erlebnisse – nur 3 Punkte erhalten. Quellentransparenz wird daran gemessen, ob ein Beitrag gezeichnet ist: Namentlich oder mit Kürzel autorisierte Texte erhalten 10 Punkte, ungezeichnete Beiträge lediglich 1 Punkt. Diese Bewertungen werden zusätzlich mit der Länge der Beiträge gewichtet, sodass lange politische Artikel die Bilanz eines Mediums stärker prägen als kurze.
Kritiker monieren, dass die Indikatoren die genannten Qualitätsdimensionen zwar akribisch, aber extrem partiell und oberflächlich erfassen. Wichtige Aspekte von Medienqualität bleiben außen vor. So spielten etwa die Unabhängigkeit der Berichterstattung und eine umfassende Transparenz über Abhängigkeiten, Interessen und ideologische Ausrichtungen kaum eine Rolle. Die hochtrabenden Bezeichnungen wie «Beitragsrelevanz», «Interpretationsleistung» und «Quellentransparenz» verdeckten, dass zentrale Problembereiche überhaupt nicht gemessen würden, heißt es. Hinzu kommt: Methodische Fragen, allen voran, ob das Jahrbuch tatsächlich misst, was es zu messen vorgibt, gingen bei Präsentationen und Medienberichten weitgehend unter.
Besonders deutlich wird die Kritik bei der Auslandsberichterstattung. Die starke Abhängigkeit von großen Quellen, die wirtschaftlichen und strategischen Interessen der USA nahestehen – etwa US-Regierung, internationale Presseagenturen, US-Zeitungen oder Thinktanks – findet in der Fög-Systematik keinen Niederschlag. Ebenso unberücksichtigt bleiben mögliche Einseitigkeiten und Voreingenommenheiten aufgrund westlicher und liberaler Interessen und kultureller Prägungen. Auch Transparenz wird eng geführt: Gemessen wird im Wesentlichen, ob ein Beitrag gezeichnet ist, nicht jedoch, inwieweit Eigentümerstrukturen, wirtschaftliche Verflechtungen oder politische Haltungen von Medienhäusern und Medienschaffenden offengelegt werden. Damit, so die Kritik, ignoriere das Jahrbuch Faktoren, die die freie Meinungsbildung und letztlich auch die Souveränität der Schweiz in internationalen Fragen wesentlich beeinflussen können.


