
Die gelbe Streudose mit roter Kappe ist längst mehr als ein Produkt aus dem Supermarktregal. Für viele Haushalte in der Schweiz gehört Aromat seit Generationen selbstverständlich auf den Tisch – als Geschmacksverstärker und als Teil einer alltäglichen Erinnerungskultur. Nun sorgt der geplante Zusammenschluss der Lebensmittelsparte von Unilever mit dem US-Unternehmen McCormick für Unruhe. Die Marke Knorr, unter der Aromat vertrieben wird, gehört zwar bereits heute dem britisch-niederländischen Konzern Unilever, doch die Produktion blieb bislang im Werk Thayngen im Kanton Schaffhausen verankert.
Genau diese Verankerung steht nun zur Disposition. Der Basler Jungunternehmer Michael Oehl hat unter dem Titel «Aromat ghört dr Schwiiz» eine Petition lanciert, die eine Produktionsgarantie für Thayngen sowie die Bewahrung des vertrauten Rezepts fordert. Für Oehl ist Aromat «kein gewöhnliches Produkt», sondern Teil der «Schweizer DNA» und eine Kindheitserinnerung. Innerhalb kurzer Zeit sammelte die Initiative nahezu 10'000 Unterschriften und stösst damit landesweit auf Resonanz – quer durch Sprach- und Gesellschaftsgrenzen. Medien in der Deutschschweiz und der Romandie greifen das Thema auf, Beobachter sprechen von einem neuen Symbolfall im Streit um den vermeintlichen Ausverkauf heimischer Traditionsmarken.
Im Zentrum der Debatte steht neben der emotionalen Aufladung ein handfestes industriepolitisches Risiko. Im Werk Thayngen sind rund 180 Arbeitsplätze an der Aromat-Produktion gekoppelt. Die von der Fusion erwarteten Synergien und Kosteneinsparungen nähren Befürchtungen, dass der Standort geschwächt oder verlagert werden könnte. Bisher liegt keine offizielle Entscheidung über die Zukunft der Fabrik vor, doch die Aussicht auf strukturelle Anpassungen reicht aus, um Belegschaft, Regionalpolitik und Konsumenten zu mobilisieren. Für die Petitionäre geht es dabei um mehr als Nostalgie: Sie verweisen auf das vorhandene Know-how, die lokale Wertschöpfung und die Rolle von Marken wie Aromat für das industrielle Rückgrat ländlicher Regionen.
Oehl will bei einer symbolischen Marke nicht stehen bleiben. Die Bewegung soll ausgebaut, das Unterschriftenziel auf 20'000 erhöht werden. Anfang April hat er den Verein «Aromat ghört dr Schwiiz» gegründet, der als organisatorische Plattform dienen soll. Perspektivisch skizziert er Modelle wie eine «Aromat Schweiz AG» oder eine Genossenschaft mit Volksaktien, an der sich Konsumentinnen und Konsumenten direkt beteiligen könnten. Ob sich solche Vorstellungen mit den strategischen Plänen eines globalen Lebensmittelkonzerns vereinbaren lassen, ist offen. Klar ist jedoch: Die Auseinandersetzung um Aromat hat eine breitere Diskussion darüber entfacht, wie viel Kontrolle die Schweiz über ihre Konsumikonen behalten will – und welchen Preis sie bereit ist, dafür zu zahlen.

Im Gotthardmassiv im Tessin ist einem internationalen Forschungsteam erstmals gelungen, die Erde kontrolliert zum Beben zu bringen. Im Untergrundlabor "Bedrettolab", das in einem ehemaligen Baustollen des Furkatunnels eingerichtet wurde, lösten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gezielt eine Serie von Mikrobeben aus. Die beteiligte Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen (RWTH Aachen) sprach von einem "sehr erfolgreichen" Versuch.
Über mehrere Tage injizierten Fachleute der ETH Zürich, der RWTH Aachen und des italienischen Nationalen Instituts für Geophysik und Vulkanologie (INGV) Wasser mit hohem Druck in eine natürliche Bruchzone tief im Fels. Ziel des Experiments war es, Spannungsänderungen im Gestein hervorzurufen und damit kleinste Erschütterungen auszulösen. Genau das trat ein: Registriert wurde eine ganze Serie von Mikrobeben, teilweise mit Magnituden knapp unterhalb von 0. An der Erdoberfläche waren diese Ereignisse nicht zu spüren.
Um die künstlich erzeugten Beben detailliert zu erfassen, installierte das Team Hunderte hochsensibler Sensoren in unmittelbarer Nähe der Verwerfung. Die Messinstrumente reagierten so feinfühlig, dass im Bedrettolab sogar das Erdbeben in Japan vom 20. April präzise aufgezeichnet werden konnte. Durch die direkte Platzierung an der Bruchzone konnte die Entstehung der Erschütterungen erstmals am Ursprungsort und nicht wie sonst üblich an der Erdoberfläche verfolgt werden. Die aufgezeichneten Signale seien "unglaublich", sagte Projektleiter Florian Amann von der RWTH Aachen, man erhalte einen einzigartigen Einblick in die Erdbebenphysik.
Das Experiment ist Teil des Projekts "FEAR" – kurz für "Fault Activation and Earthquake Rupture". Langfristig sollen die Daten dazu beitragen, die Vorhersagbarkeit von Erdbeben zu verbessern. Im Fokus steht die Frage, was im Gestein passiert, bevor ein größeres Beben einsetzt. Nach Angaben der Forschenden gehen starken Erdbeben typischerweise tausende kleine Ereignisse voraus. Deren Entwicklung im Labor nachzuzeichnen, soll helfen, die physikalischen Prozesse entlang natürlicher Störungszonen besser zu verstehen und Frühindikatoren für künftige Beben zu identifizieren.